Was bin 
ich wert?

Über Gehalt, Verhandlungen und Work-Life-Balance
Sich selbst einen Wert zuzuschreiben und diesen Betrag zu verlangen, kann für Berufseinsteiger*innen herausfordernd sein. Das TU Career Center unterstützt Studierende und Absolvent*innen dabei, sich auf Gehaltsverhandlungen vorzubereiten. Welche zusätzlichen Sachleistungen du neben deinem Bruttogehalt noch fordern kannst und was im Job noch wichtig ist, erzählen Beraterinnen des TU Career Centers und TU-Studierende.

Du hast dich für einen Job beworben, der dich interessiert, und eine Zusage erhalten? Super! Wenn das erste Jobangebot am Tisch liegt, ist die Freude groß. Bevor der Vertrag unterschrieben und somit alles fixiert ist, stellt sich noch die wichtige Frage des Gehalts. Viele Berufseinsteiger*innen überlegen lange, wie sie das Thema am besten angehen sollen. Der career.planner des TU Career Centers liefert dir wichtige Informationen dazu, die wir hier noch einmal für dich zusammengefasst haben: Um deinen Gehaltsrahmen bestmöglich und realistisch einzuschätzen kannst du Online-Karriereplattformen wie glassdoor.at oder kununu.at nutzen. Auf diesen Plattformen geben (ehemalige) Mitarbeiter*innen ihre Gehälter an. Ein Online-Gehaltsrechner, wie etwa die Website www.gehaltsrechner.gv.at, ermöglicht es dir, anhand deiner individuellen Rahmenbedingungen (Alter, Ausbildung, Berufserfahrung …) das übliche Gehalt deiner Branche zu berechnen.

Überlege dir als Nächstes einen Gehaltsrahmen und lege deine persönliche Schmerzgrenze fest. Beim Gehalt geht es übrigens um das „Gesamtpaket“. Das heißt, dass neben dem Betrag, der am Ende jeden Monats auf deinem Konto landet, auch Arbeitszeiten, Fringe Benefits und Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb des Unternehmens eine Rolle spielen. 
Fringe Benefits sind betriebliche Zusatzleistungen in Form von Sachleistungen, die du zusätzlich zu deinem Monatsgehalt bekommst. Das können ein Handy und Laptop zur privaten Nutzung, Zugang zur Kantine oder Essensbons, Zusatzversicherungen, ein Ticket für öffentliche Verkehrsmittel, Weiterbildungskosten, Sonderkonditionen oder Rabatte sein. 

Das Softwareunternehmen &amp, das von drei TU-Absolventen gegründet wurde, hat schnell erkannt, dass ein zufriedenes Team auch wirtschaftlich am meisten Sinn macht. Da das Start-up sehr schnell wächst, ist den Gründern die individuelle Karriereentwicklung der einzelnen Mitarbeiter*innen besonders wichtig und sie wird auch durch einen klar definierten Pfad sowie regelmäßige Gespräche unterstützt. Das kann ein faires Gehalt natürlich nicht ersetzen, ist aber durchaus ein wichtiger Faktor, ob sich Mitarbeiter*innen wertgeschätzt fühlen. „Wir sehen Karriereentwicklung als etwas, dass das Unternehmen leisten muss, und wir stecken da wirklich viel Zeit rein“, bestätigt Marlon Alagoda, einer der Gründer.

Du bist motiviert, so einen Arbeitgeber zu finden und weißt jetzt, was du willst? Dann finde Argumente, warum du dieses Gehalt bzw. diese Benefits forderst. Was zeichnet dich aus und was sind deine Kernkompetenzen? Welchen Beitrag kannst/wirst du leisten? Welchen Mehrwert hat das Unternehmen, wenn du eingestellt wirst? Finde Antworten auf diese Fragen, um den*die Arbeitgeber*in im Gespräch zu überzeugen. Zusätzlich spielen deine Ausbildungen, fachlichen Qualifikationen (Spezialisierung im Studium), praktischen Erfahrungen (z. B. in der Branche, Praktika, Projekte), Zusatzqualifikationen (Sprachkenntnisse, Auslandserfahrungen, Zertifizierungen), IT-Kenntnisse, Programmiersprachen und deine persönlichen Kompetenzen eine wesentliche Rolle.

Warte mit der Verhandlung, bis das Unternehmen auf dich zukommt. Aufgrund der hohen Nachfrage und der geringeren Anzahl an verfügbaren Fachkräften, vor allem im technischen Bereich, hast du schon einmal eine gute Verhandlungsposition, selbst als Berufseinsteiger*in.

Nur Mut zum Verhandeln

Dass du unsicher bist, wenn du dein erstes Gehalt verhandelst, ist ganz normal. „Die größten Unsicherheiten kommen daher, dass sich Berufseinsteiger*innen fragen, ob sie überhaupt verhandeln können. Oft ist unklar, wie hoch ich ansetzen kann, ohne dass es unrealistisch wird“, sagt Lisa Bockberger, Beraterin beim TU Career Center. „Wenn es um Praktika geht, dann schätzen sich Studierende oft zu hoch ein, bei einem Jobeinstieg kann aber definitiv verhandelt werden. Das ist vielen Einsteiger*innen nicht so bewusst, darum zeigen wir das in unseren Beratungen auf“, fährt Bockberger fort. 
„Gehaltsverhandlungen sind Verhandlungen, das ist auch den Unternehmen bewusst. Wir ermutigen vor allem Frauen, zu verhandeln. Gehalt ist häufig ein Tabuthema, auch im Kreis von Freund*innen und Familie. Oft traut man sich nicht, sich selbst, seiner Erfahrung, seiner Arbeitszeit überhaupt einen Wert zuzuschreiben, brennt aber dafür, dass Freund*innen fair verdienen. Es fällt uns leichter, den Wert der Arbeit bei anderen anzuerkennen als bei uns selbst. Der Austausch und das gegenseitige Bestärken unter Studienkolleg*innen können dabei besonders hilfreich sein. Dabei sind aber auch die Männer in der Pflicht, offen und ehrlich zu sprechen“, sagt Daniela Mühlbacher, Expertin für HR Marketing und Employer Branding beim TU Career Center.

Wie wichtig ist das Gehalt wirklich? Sind Flexibilität, kürzere Arbeitszeiten oder eine sinnvolle, spannende Tätigkeit inzwischen mehr wert als Geld?


Bei ihren Beratungen erleben die Mitarbeiterinnen des TU Career Centers einen Shift: „Die Studierenden wollen einen wertvollen Beitrag leisten, Dinge weiterentwickeln und ein Gehalt, von dem sie gut leben können. Fringe Benefits werden häufig auch in die Entscheidungen miteinbezogen“, sagt Julia Stift, ebenfalls Beraterin beim TU Career Center. Viele wollen auch gar nicht mehr Vollzeit arbeiten. „Flexibilität und Sinn werden immer wichtiger, dennoch ist eine faire Entlohnung auch von Bedeutung“, meint Julia Stift.
Müssen sich TU-Studierende also nicht mehr zwischen einem guten Gehalt und einer guten Work-Life-Balance entscheiden? „Generell sollten sich Menschen nicht mehr zwischen den beiden entscheiden müssen. Da hat sich im Laufe der Pandemie und im Zuge des Generationenwechsels einiges getan. Die junge Generation legt eine neue Denkweise an den Tag, wenn es um Führung oder den Arbeitsplatz geht“, sagt Lisa Bockberger. TU-Studierende seien in einer guten Verhandlungsposition und können ihre Wünsche gut einfordern. 

Sinn erwünscht

Miriam Schmid studiert im Master Biomedical Engineering an der TU Wien. Mit Gehaltsverhandlungen hat sie noch keine Erfahrungen gemacht, jedoch weiß sie bereits, was ihr bei den Punkten Arbeit und Gehalt wichtig ist: „Ich möchte gerne zur Arbeit gehen und meinen Job als sinnvoll erachten. Das ist mir wichtiger, als viel Geld zu verdienen“, sagt die Studierende, die demnächst mit ihrer Masterarbeit beginnt. „Natürlich ist es wichtig, von seinem Job leben und sich auch hin und wieder etwas leisten zu können, allerdings sollte das nicht die einzige Motivation sein. Man verbringt so viel Zeit am Arbeitsplatz, dass der Job auch Freude bereiten sollte, ohne dass man nur die Minuten bis zum Feierabend zählt,“ findet Miriam. Über Gehalt wird in ihrem Freundeskreis offen gesprochen: „Das ist keineswegs ein Tabuthema. Vor allem als Berufseinsteiger*in weiß man oft noch nicht genau, welche Gehälter üblich sind. Da hilft der Austausch, um mehr Bezug zu dem Thema zu bekommen. Meiner Meinung nach sollten Löhne allgemein transparenter gehandhabt werden. So ist leichter erkennbar, ob diese fair verteilt sind oder nicht, womit beispielsweise dem Gender Pay Gap entgegengewirkt werden kann.“


Ihre Studienkollegin Veronika Rettner sieht das ähnlich: „Am wichtigsten ist mir eine sinnvolle Tätigkeit, die spannende Themen beinhaltet, auch wenn das natürlich nicht auf alle Aufgaben zutreffen muss. Zwischen Geld und Freizeit muss man einen Trade-off machen, denke ich. Phasenweise fände ich es in Ordnung, auf Freizeit zu verzichten, aber Überstunden sollten kein Dauerzustand sein. Deshalb finde ich auch ein Gleitzeitmodell besonders sinnvoll.“ Auf Fringe Benefits legt Veronika, die im Oktober den Master Energie- und Automatisierungstechnik abschließen wird, keinen großen Wert: „Ein Öffi-Ticket finde ich nett, aber Sachleistungen sollten kein vernünftiges Gehalt ersetzen.“
Die eigene Gehaltsspanne wie auch die gewünschten Fringe Benefits sind ein sehr individuelles Thema. Die Vorstellungen ändern sich je nach Arbeitserfahrung und Lebensphase. Wenn du dir jetzt denkst, dass du bei deinem ersten Gehalt nicht optimal verhandelt hast, so ist das halb so schlimm. Aus jeder Verhandlung lernst du für zukünftige Gespräche. Es heißt schließlich nicht umsonst: Übung macht den*die Meister*in.