Fit, gesund und überwacht.

Die Zeitanzeige ist bei vielen Uhren zur Nebensache geworden. Vielmehr werden mittels Smartwachtes Schritte gezählt, Höhenmeter getrackt und sogar Blutsauerstoff gemessen. Diese Akte voller Informationen, direkt am Handgelenk, könnten den Gesundheitsbereich revolutionieren, wäre da nicht die Sache mit den Daten.

 Es ist 1985. David Hasselhoff alias Michael Knight duckt sich hinter ein parkendes Auto. Er beugt den Arm und eine schwarze Uhr blitzt unter der Lederjacke hervor, in die er keucht „KITT, bitte kommen!“ – und schon schießt sein schwarzer, künstlich intelligenter Sportwagen um die Ecke 

Autos, die von selbst fahren, Uhren, mit denen man telefonieren und Fotos schießen kann: Was in den 80er-Jahren futuristisch war, ist 25 Jahre nach „Knight Rider“ Realität. Viele große Anbieter verkaufen „Wearables“, also am Körper getragene Computersysteme, wobei Apple mit 22,5 Millionen Stück verkaufter Watches (im Jahr 2019) klarer Spitzenreiter der Branche ist.

Martin Werner ist Chef der Business Area Health bei dem Informations- und Kommunikationskonzern T-Systems und mit einer Begeisterung für die „Knight Rider“-Serie aufgewachsen. Heute befasst er sich mit dem Potenzial von Smartwatches im immer digitaler werdenden Gesundheitsbereich. Auch in Österreich benutzen bereits etwa 700.000 Menschen ein Gerät, das ihre Gesundheitswerte ermitteln kann. Welche Welten an Möglichkeiten tun sich durch solche Smart Devices auf? Was erscheint uns heute noch als skurril und utopisch, ist aber vielleicht morgen schon technisch umsetzbar?

Heute werden Smartwatches nicht mehr im Kampf gegen das Böse eingesetzt, sondern für das Messen von Parametern, bei denen Smartphones an ihre Grenzen stoßen. Das betrifft vor allem Körperfunktionen, wie zum Beispiel Herzschlag, Tiefschlaf oder sogar Blutdruck. Kein Wunder also, dass die Uhren vor allem für den Healthcare-Sektor interessant sind. „Krankenhausdigitalisierung ist mittlerweile schon eine No-na-ned-Geschichte in Österreich. Mit Zetteln hantiert man heute fast gar nicht mehr“, so Werner. T-Systems hat sich sein Renommee ursprünglich im österreichischen Smart-HealthSektor mit seiner Krankenhausexpertise in Bezug auf i.s.h.med und IS-H erarbeitet. Laut Werner ein Verdrängungsmarkt, auf dem Anbieter schnell an ihre Grenzen stoßen. Erst letztes Jahr hat er sein Team deshalb unter dem Motto „Health Transformation is in our DNA“ neu fokussiert. Eine Vision davon: Smartwatches als Möglichkeit, Patient*innen mehr in den Mittelpunkt von Healthcare zu rücken. Sie sollen nicht mehr nur Entscheidungen treff en, sondern auch zunehmend in die Behandlungen eingebunden werden. 

 

Eine Vision im SmartHealth-Team von T-Systems: Smartwatches als Möglichkeit zu nutzen, Patient*innen mehr in den Mittelpunkt von Healthcare zu rücken.

Ein konkretes Beispiel wäre die Verknüpfung mit der REHA.Patient-App, ein bereits bestehendes Produkt aus der Rehabilitations-Software-Suite (REHA. Complete) von T-Systems, das von Wearables sehr profitieren könnte. Die App unterstützt rehabilitierende Patient*innen bei den bürokratischen und organisatorischen Schritten, die neben der Genesung sehr belastend sein können. Bereits von zu Hause aus können Dokumente an das zuständige Rehazentrum geschickt und der gesamte Aufenthalt dort vorbereitet werden. Während des Klinik Aufenthaltes ist es möglich, Terminverschiebungen sofort einzusehen, Updates abzurufen und sogar den Kaffeebesuch der Familie vorab einzuplanen. Sind die Patient*innen wieder entlassen, können erweiterte ambulante Therapiepläne erstellt werden. Die REHA. Patienten-App von T-Systems wird von der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) noch im März 2021 in Betrieb genommen, um die ambulante Betreuung der Patient*innen zu verbessern. Hier nimmt die PVA, laut Werner, eine Vorreiterrolle in der Digitalisierung im Gesundheitsbereich in Österreich ein. Wie bei ambulanter Reha-Therapie im Allgemeinen treten in der Praxis oft Probleme auf, denn wie gut sich Patient*innen zu Hause weiter erholen, hängt oft stark vom persönlichen Umkreis ab. Das kann durch konkrete Fitnesspläne und Erinnerungen durch die App etwas aufgebrochen werden. Genau hier setzt die Idee der Smartwatch wieder an. Indem Patient*innen selbst mithilfe der App erstellte Reha-Übungen machen und dabei in Zukunft ihre Vitalfunktionen über die Uhr überwachen können, würde das behandelnde Team einen viel besseren Einblick in die Nachsorgebedürfnisse bekommen – und Patient*innen würden sich im besten Fall schneller erholen.

Kontaktlos gesund? 


Laut Martin Werner ist das erst der Anfang. „Wir gehen mit unseren Apps gerade die ersten Schritte. Mit Devices wie den Uhren kann Smart Health in Zukunft definitiv noch mehr ausgebaut werden.“ Mit den neuen Generationen von Smartwatches werden ganz neue Welten eröffnet: Beispielsweise Blutsauerstoffmessung, Herzinfarktrisiko und Schlafapnoe können mit einigen Devices bereits gemessen werden. Dementsprechend visionär fallen die Zukunftsaussichten von Medizintechnikexpert*innen aus. Hier erschließt sich ein ganz neuer Sektor, der auch einige spannende Technik-Jobs schaffen wird.

Ein Buzzword aus der Industrie ist „Predictive Maintenance“, also Präventivvorsorge: Darunter fallen in der Medizin etwa der jährliche Gang zum*zur Gynäkologen*in oder zur Prostatauntersuchung beziehungsweise die Darmspiegelung ab 50. Aktuell werden Arztbesuche und Gesundenuntersuchungen in regelmäßigen Abständen beziehungsweise altersabhängig durchgeführt. Wann die Termine anstehen, bestimmt aktuell noch meistens der Arzt/die Ärztin, basierend auf statistischen Daten. Termine werden von den Patient*innen sozusagen auf „Verdacht“ vereinbart. In Zukunft könnte dies basierend auf gemessenen Parametern des*der entsprechenden Patient*in geschehen, und der Arzt/die Ärztin kontaktiert den*die Patient*in im „Bedarfsfall“ und bittet um Terminvereinbarung oder schlägt gleich Termine vor. Damit tun sich praktische Möglichkeiten auf, kontaktlos gesund zu bleiben. In Zeiten einer globalen Pandemie ein sehr spannender Ansatz.

In München werden beispielsweise bereits die Vitalfunktionen von Menschen, die sich mit SARS-CoV-2 angesteckt haben, mittels Smartwatch überwacht, um überflüssige Krankenhausbesuche zu vermeiden. Laut Martin Werner wäre so ein Versuch auch in Österreich möglich: „Wir haben technologisch gesehen alles, was wir brauchen. Wir müssen nur noch politisch zueinander finden.“ Die Durchführung solcher Projekte stelle jedoch eine moralische Gratwanderung dar. Vor allem ältere Menschen, die im Gesundheitswesen eine zentrale Rolle spielen, sind oft technisch nicht sehr versiert. Zwischen allen Devices und ihren Verknüpfungen braucht es hier ein einfaches Betriebssystem, das genau die Funktionen schablonenhaft erfüllt, die erforderlich sind 
 

Personal Coach am Handgelenk

Doch nicht nur zum Tracken des aktuellen Gesundheitsstatus, sondern auch als Ansporn, um sich fit zu halten, werden Smartwatches immer gefragter. Verantwortlich für ihren Boom
ist nicht zuletzt ein Lifestyle, der auf Instagram und Co. von Influencer*innen vorgelebt und verkauft wird. Die Devices, die dort gepusht werden, umfassen ein ganzes Spektrum an
Möglichkeiten, ob für die tägliche Yoga-Übung oder für alpinen Leistungssport. Entsprechende Anbieter schießen nur so aus dem Boden. „Die vielen Mitbewerber*innen machen es trotz steigendem Trend schwer, mithalten zu können und relevant zu bleiben“, sagt Thomas Weran-Rieger, der seit 2017 die Sportuhrenmarke „Suunto“ in Österreich repräsentiert. 

 Um sich am Markt zu behaupten, bleibt das finnische Unternehmen deshalb seiner Linie treu: Robuste, akkustarke Geräte, die im Leistungssport sowie in extremen Bedingungen – beispielsweise im alpinen Raum – bestehen können. So hat man die Hände frei und kommt vom Bergsteigen nicht mit kaputtem Handydisplay nach Hause. Die Uhr kann unter anderem beim Sport automatisch digitale Brotkrumen ausstreuen, damit bei einem Wetterumschlag nicht die Gefahr droht, sich zu verlaufen. Trainingsergebnisse können auf das Handy übertragen, mit unzähligen Apps verknüpft oder mit denen anderer User*innen verglichen werden. „Wie offen man mit seinen Daten umgehen will, muss jede*r für sich entscheiden“, so Weran-Rieger. Während einige bereits mit ihrer Uhr via Smart Payment an
der Kasse bezahlen, äußern andere Datenschutzbedenken. „Viele spornt der Vergleich von Daten zu mehr Leistung an, um zum Beispiel eine Bestzeit zu knacken. Andere lehnen die Digitalisierung im Sport ab – die müssen halt ihre Trainingserfolge auf Zetteln mitschreiben wie in den 90ern. 

Gebt her eure Daten!

Datenschutzbedenken werden im Zusammenhang mit Smartwatches immer wieder geäußert – zu Recht, wie Martin Werner findet. „Solche Überlegungen sind aus meiner Sicht
immer angebracht. Ich will auch nicht, dass meine privaten Patientendaten bei einem Großkonzern auf irgendeinem Server liegen.“ Um zu verhindern, dass private Daten bei Dritten landen, sollte deshalb genau recherchiert werden, welche Geräte wieso um welchen Preis angeboten werden. Firmen, die Rabatte auf Smart Devices oder Gratisapplikationen anbieten, müssen sich auf anderem Wege finanzieren. „Zahle ich nicht für das Device, zahle ich mit meinen Daten“, so Werner. Ein ähnlicher Gedanke, jedoch völlig anderer Zugang: In Deutschland bezuschusst die Krankenkasse den Erwerb einer Smartwatch. Auch so manche Versicherungsanbieter haben ähnliche Angebote. „Die spielen relativ offen“, meint Martin Werner. Hier sieht er einen Mehrwert des Datensammelns: Nämlich den
Ansporn für die Gesamtgesellschaft, gesünder zu werden. In Zukunft könnten beispielsweise günstigere Versicherungsprämien bei regelmäßigem Training oder gesundem Lifestyle angeboten werden. Die entsprechenden Daten könnten von
der Smartwatch gespeichert und der Versicherung zugespielt werden. Wie aber kann in so einem Szenario verhindert werden, dass Kund*innen komplett zu gläsernen Menschen
werden? „Versicherungen dürften dann nicht einfach Leute ausschließen, nur weil sie ihnen verschweigen, dass sie zum Beispiel rauchen“, meint Werner. So ein Austausch der Daten
kann immer nur auf einer freiwilligen Basis funktionieren.

Im Diskurs zu Datenschutz ist im Gesundheitsbereich oft ein Prioritätenwechsel zu beobachten. Solange sie gesund sind, neigen Menschen dazu, ihre Patientendaten für sich behalten zu wollen – werden sie krank, wird oft sogar ausdrücklich gewünscht, dass Daten in Systeme eingespeist und verglichen werden, in der Hoffnung, dadurch schneller eine Diagnose zu erhalten. Auch die aktuelle Gesundheitskrise hat ein Umdenken in diesem
Bereich ausgelöst. Martin Werner plädiert einerseits für Vorsicht, begrüßt jedoch auch die Möglichkeiten, smarte Lösungsansätze wie Immunitätsnachweise für die Coronasituation weiter auszuforschen. „Testnachweise auf Zetteln, so wie sie jetzt ausgestellt werden, sind leicht fälschbar. Eine Vision, simplifiziert formuliert: Ich halte dem Frisör meine Uhr hin
und die leuchtet grün auf.“ Applikationen wie diese könnten laut Werner die Abwicklung der einzelnen notwendigen Schritte bis zum Ende der weltweiten Lockdown-Situation vereinfachen.

Da die Branche sich so schnell etabliert hat und seitdem stetig wächst, sind kreative und technisch versierte Talente gefragter den je.

Innovative Köpfe gesucht!

Um solche Ideen zu entwickeln, sind in erster Linie Kreativität, technisches Know-how und praktisches Denken gefragt. Da die Branche sich so schnell etabliert hat und seitdem stetig wächst, sind solche Talente gefragter denn je. Die Herausforderung wird sein, mit dieser Schnelllebigkeit mithalten zu können, ohne aus der Uhr einen Klotz am Arm zu machen. Besonders bei Sportuhren ist das eine Herausforderung: An technischen Neuerungen wie hochauflösenden Displays oder topografischen Karten wird ständig geschraubt, gleichzeitig
darf die Akkulaufzeit nicht darunter leiden. Frauen sollten mit etwas kleineren Designoptionen besser angesprochen werden, das heißt, die modular aufgebaute Uhr sollte außerdem nicht größer werden. „Löst man diese drei Probleme, hat man die perfekte
Uhr“, sagt Thomas Weran-Rieger. Perfektion ist im heutigen Zeitalter jedoch nicht von Dauer. Die Branche muss wegen der großen Nachfrage und starken Konkurrenzsituation ständig in Bewegung bleiben. „Man darf als Marke nicht zu Nokia werden – man darf nicht stehenbleiben.“ Für die finnische Marke Suunto bedeutet das viel Tüftelei – vor allem in den
Headquarters in Vantaa.

Aber auch in Österreich gibt es bereits viele Unternehmen, die sich mit der Smart-Health-Entwicklung beschäftigen. „In Zukunft werden sich da tolle Berufsmöglichkeiten ergeben. Das würde ich mit meinem Herzblut unterschreiben“, meint Werner.
Da der Bereich E-Health und Smart Healthcare mehrere Disziplinen in sich vereint, reicht es aber nicht, nur ein super Softwarearchitekt zu sein. Damit ist kein Doppelstudium in Elektrotechnik und Medizin gemeint; Martin Werner selbst hat beispielsweise
seinerzeit neben dem TU-Studium einige Vorlesungen an der MedUni Wien belegt und so die Grundsteine für seine berufliche Lauf ahn gelegt. „Die Zeit an der TU ist immer noch eine Zeit, an die ich gern zurückdenke. Wenn man gerade drinsteckt, glaubt
man das vielleicht gar nicht“, meint er lachend. Selbst ein freiwilliges Jahr als Rettungssanitäter oder eine außerschulische Faszination für medizinische Technik können bereits genügend Praxisverständnis schaffen, um eine Brücke zwischen dem medizinischen Alltag und der technischen Umsetzbarkeit zu schlagen. Am wichtigsten ist das Interesse: „Wir von T-Systems nehmen immer gerne TU-Absolvent*innen in unser Team auf, die auf Erfahrung brennen und neue Ideen in das Konstrukt mitbringen. Man bereichert sich dann gegenseitig“, so Werner.
 
Diese Zukunftsbilder von Smartwatches als fixer Bestandteil unseres Alltags werden nicht heute oder morgen umgesetzt. Die Bereitschaft innerhalb der Gesellschaft ist dazu nicht flächendeckend genug, außerdem kann sich – auch mit Bezuschussung – nicht jeder ein solches Device leisten. Schließt man einen Teil der Bevölkerung aus Überlegungen aus, besteht die Gefahr, eine Zweiklassengesellschaft zu schaffen. Was sie trotzdem so spannend macht: Rein technisch gesehen sind wir nicht weit davon entfernt. Alles andere kann man betrachten wie „Knight Rider“: manchmal etwas over-the-top, aber unterhaltsam und fantasieanregend.